Interpellation: „Stärkung der praktischen Ausbildungsfächer an den Schulen“

In der heutigen Schule der Primar- und Sekundarstufe fristet die praktische handwerkliche Bildung ein Schattendasein. Durch die fortwährende Einbindung von neuen Fachgebieten oder Unterrichtsinhalten wird die praxisorientierte Stoffvermittlung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Kein Wunder, beklagen sich immer mehr Lehrmeister und Unternehmen über die fehlenden handwerklichen Qualifikationen der Schulabgänger. Ein weiteres Problem ergibt sich bei der Ausbildung an sich. Durch die vermehrte Kopflastigkeit des Unterrichts werden insbesondere männliche Jugendliche durch eine solche Einseitigkeit des Schulprogramms benachteiligt. Die Schule kann somit eine ihrer wesentlichen Aufgaben, die Förderung der Kinder und Jugendlichen entsprechend ihren Fähigkeiten, nicht mehr genügend wahrnehmen. Um die praktische Ausbildung der Jugendlichen zu verbessern, ist es darum unabdingbar, dass in den Lehrplänen eine klar fixierte Anzahl von Lektionen für die handwerkliche Grundausbildung vorgesehen ist. Dies allein genügt jedoch nicht: Es sind insbesondere auch die Kompetenzen der Lehrpersonen zu stärken. Hierbei sind spezialisierte Lehrgänge oder die Rekrutierung von Fachkräften aus den einzelnen Berufsbereichen zu prüfen. Ohne genügende Fachkenntnis der Verantwortlichen bleibt die Förderung der handwerklichen Fähigkeiten der Schüler aus.
Der Regierungsrat wird ersucht, die nachfolgenden Fragen zu beantworten:

  1. Wie weit gehen die Bestrebungen des Kantons, diese Defizite der praktischen Ausbildungsfächer, insbesondere das textile und nichttextile Werken auf Primar- und Sekundarstufe aufzuarbeiten? Durch die fehlende Freude für das handwerkliche oder praktische Arbeiten ist oft auch Ratlosigkeit bei der Berufswahl zu spüren. Teilt der Regierungsrat die Meinung mit uns, dass die Wahl für einen handwerklichen oder praktischen Beruf gesteigert werden kann, wenn die Jugendlichen hierfür verstärkt gefördert und motiviert werden?
  2. Wie können die Kompetenzen der künftigen Lehrpersonen in den Fachbereichen textiles und nichttextiles Werken verbessert werden, damit der Unterricht auch in den praktischen Fächern auf hohem Niveau erteilt werden kann?
  3. Wie kann diese Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule verbessert, bzw. angeboten werden?
  4. Wie stellt sich der Regierungsrat zu einer neuen separaten Ausbildung für Lehrpersonen für textiles und nichttextiles Werken an einer Fachschule? 

Begründung:
In der heutigen Konsumgesellschaft hat der Stellenwert von Werken und Basteln in der Familie an Bedeutung verloren. Die Ablenkung durch verschiedenste Medien wie Fernseher, Internet, Computerspiele, Handy etc. ist gross. Die wenigsten Kinder betätigen sich zu Hause kreativ oder üben sich in verschiedenen Fertigkeiten. Umso wichtiger ist, dass sowohl in der Primar- als auch in der Sekundarschule textiles und Nichttextiles Werken, Handwerken wieder fester Bestandteil der Stundentafel wird.
Im Werken lernen die Kinder exaktes Arbeiten, dreidimensionales Denken, Ausdauer und gleichzeitig kann Freude an verschiedensten Fertigkeiten und der eigenen Kreativität geweckt werden. Längst hat die Forschung auch den Zusammenhang zwischen manueller Betätigung und Hirnleistung erkannt. Handwerkliche Betätigung ist zudem ein gesunder Ausgleich zu den rein kopflastigen Fächern.
Die Bildungsreformen wurden vorwiegend auf rein intellektuelle Fächer ausgerichtet. Für Schülerinnen und Schüler die ihre Fähigkeiten im handwerklichen Bereich haben, sind heute zu viele kopflastige Fächer im Unterrichtsplan. So stellen schulisch schwächere Schülerinnnen und Schüler künftig eine noch grössere Herausforderung. Handwerkliche Fächer bieten Schülerinnen und Schülern, die im intellektuellen Bereich Mühe bekunden, eine Chance für ihre spätere, vielleicht handwerkliche Ausbildung.
Mit der Vereinheitlichung der Fächer textiles und nichttextiles Werken ist der Begriff Werken und Gestalten entstanden und so ging bei allen Schwerpunktthemen ein Teil verloren. Tatsache ist, dass das Werken in der Stundentafel auf ein Minimum gekürzt wurde und in den wenigen Lektionen nicht der gleiche Stoff vermittelt werden kann. Die Ausbildung für Textil- und WerklehrerInnen wurde aufgehoben. Wenn wir das nicht ändern, wird es in wenigen Jahren überhaupt keine Textilehrerinnen mehr geben, welche den Stoff fachmännisch erteilen können.
Ebenso wird der handwerkliche Unterricht in der Sekundarstufe immer mehr vernachlässigt. Im Lehrplan für die Oberstufe ist das Werken und Gestalten und welche Zielsetzungen verfolgt werden sollten zwar ausführlich beschrieben. In der Praxis ist es mit Glück verbunden, zu welchem Lehrer es die Schüler treffen. Die einen Lehrkräfte vermitteln den Stoff mit Begeisterung und können so auch die Schüler gewinnen. Aber für viele ist es ein Fach das sie lieber abgeben würden.
Die Lehrbetriebe haben dann unter grossem Aufwand diese Defizite aufzuarbeiten. Für unser Gewerbe ist es unabdingbar, dass das Rüstzeug auch für einen handwerklichen Beruf gleichermassen gefördert wird wie für eine weiterführende Schule. Eine vertiefte Zusammenarbeit mit dem Gewerbe, den Berufsschulen und verantwortlichen Personen der Berufsverbände hätte zur Folge, dass in diesen Bereichen auch vom gleichen gesprochen wird und die Anforderungen für die handwerklichen Berufe bekannt sind. Wenn diese Zusammenarbeit in gleichem Masse erfolgt wie mit den Kantonsschulen oder der Pädagogischen Hochschule, so wäre vieles erreicht.
Für die Ausbildung der Lehrkräfte wäre zu prüfen, ob aus den verschiedenen Berufssparten Kursangebote in den bestens dafür geeigneten Kurszentren angeboten werden könnten.
Die Förderung der Berufsbildung ist sehr nachhaltig, denn der Erfolg unserer Wirtschaft ist im Wesentlichen vom Know-how der Berufsleute abhängig. Aus diesem Grunde ist es von grösster Wichtigkeit dem Thema "praktische handwerkliche Ausbildung" auf der Primar- und Sekundarstufe mehr Bedeutung zukommen zu lassen. Zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz absolvieren eine Berufslehre. Das duale Bildungssystem hat sich sehr bewährt und ist eine Erfolgsgeschichte für die Schweizer Wirtschaft. Die Bedeutung und Wertschätzung von Handwerk und praktischer Ausbildung während der Schulzeit muss wieder gestärkt werden
Mettlen, Frauenfeld 24.8.2009
Ruedi Zbinden / Verena Herzog